Der Fake-Journalismus
Quelle:
heise online
Burkhard Schröder
13.05.2003
Der junge Journalist Jayson Blair erfand
jahrelang seine Reportagen für die New York Times, aber er ist kein
Einzelfall, sondern womöglich nur die Spitze eines Trends
Die New York Times hat jetzt auch ihre
"Hitler-Tagebücher". Der Reporter Jayson Blair hat mehrere Jahre
systematisch Artikel gefälscht, Fakten erfunden und Recherchen
vorgetäuscht. Die Redaktion spricht von einem "Tiefpunkt in 152 Jahren
Zeitungsgeschichte". Die meistgelesene Zeitung der USA stellte ein fünfer
Team von Rechercheuren ab, um die Hintergründe des Betrugs zu erhellen.
Mittlerweile widmen sich mehr als ein Dutzend Websites der
New
York Times der Frage, wie es dazu kommen
konnte, dass ein junger und "produktiver" Journalist, der mehr als 600
Artikel veröffentlicht hat, seine Kollegen und Vorgesetzen systematisch
täuschen konnte: Jayson Blair hat seine Interviewpartner nie persönlich
aufgesucht, obwohl er das suggerierte, und die meisten Gesprächspassagen
frei erfunden.

Die Gründe, warum - trotz
einiger Internet-Warnungen schon im letzten Jahr - erst jetzt reagiert
wurde, ähneln denen anderer Skandale: Es gab kaum Beschwerden über die
gefakten Arktikel, die "senior editors" der Zeitung kommunizierten nicht
über den Fall, und Blair sei erfinderisch und raffiniert darin gewesen,
die Spuren seiner nur erfundenen Recherche zu verwischen. Das alles ist
nicht neu oder gar
außergewöhnlich.
Janet Cook von der "Washington Post" publizierte 1981 die rührselige Story
einer achtjährigen Heroin-Abhängigen. Cook erhielt sogar dafür den
Pulitzer-Preis,
musste den aber zurückgeben, als sich
herausstellte,
dass die ganze Geschichte frei erfunden war. Oder es gab den Fall des
Journalisten Stephen Glass ( Looking-Glassy).
Und erst kürzlich hatte es den preisgekrönten Fotoreporter Brian Walski
erwischt, der eines seiner Fotos aus dem Irak manipuliert hatte ( Das
manipulierte Bild auf der Titelseite).
In Deutschland wird der
Fake-Journalismus, neben dem verstorbenen
Konrad
Kujau - dem Fälscher der
Hitler-Tagebücher
- vor allem durch
Michael
Born und Tom Kummer ( Kummer
über Kummer) repräsentiert. Beide fingierten
Reportagen und Interviews, die ihnen
Stern-TV,
die "Süddeutsche" und andere
seriöse
Medien aus den Händen rissen. Viele Medien
haben auf ihrer Website die Tatsache, dass ein "Borderline-Journalist",
wie Kummer sich selbst nennt, seine Home-Stories über Hollywood-Stars frei
erfunden hat, immer noch nicht
korrigiert.
Die journalistische Ethik, sich
der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern und Fakten mit kritischer
Distanz darzustellen, erodiert, nicht nur in den USA, sondern auch in
Deutschland. Das hat nicht nur damit zu tun, dass normale Redaktionen nur
noch selten in Recherchen investieren und die Methoden des investigativen
Handwerks nur noch selten gelehrt werden. Lobby-Organisationen wie
Netzwerk
Recherche bemängeln das seit langem.
Wer die in der Medienbranche
zur Zeit beliebte apokalyptische Attitüde mag, wird das Internet dafür
verantwortlich machen, dass zwischen Realität und Fiktion oft kein
Unterschied zu erkennen ist. Die bloße Nachricht verliert immer mehr an
Wert, da sie in wenigen Stunden rund um den Erball auf unzähligen Websites
verbreitet wird. Die meisten Online-Publikationen, auch die seriöser
Medien, schreiben ohnehin einen erheblichen Teil ihrer Storys gegenseitig
ab, ohne die Quellen zu benennen oder gar zu verlinken ( Cut-and-Paste-Journalismus
im Dienste der Infoelite).
Eine "corporate identity", die
den Leser an ein spezifisches Medium binden könnte, lässt sich - außer bei
Lokalnachrichten - oft nur durch Infotainment erreichen. "Wenn die
eigentlichen Nachrichten via TV und Internet immer schneller verbreitet
werden, und zugleich das Verlangen nach "Infotainment" rasant zunimmt",
schrieb
Rüdiger Suchsland, "müssen sich auch die Tageszeitungen verändern. Mehr
und mehr weichen sie auf Analysen, Portraits und Unterhaltungsstücke aus,
um dem "Originalitätsdruck" Rechnung zu tragen."
Von der Täuschung zur
Aufklärung?
Reine Unterhaltung kommt dem
normalen
Rezeptionsverhalten des Publikums entgegen,
sich nicht kritisch mit den angebotenen - womöglich irritierenden -
Informationen auseinandersetzen zu wollen, sondern die schon vorhandene
Meinung und den Mainstream immer nur bestätigen zu lassen. Zum
Infotainment, das sich als Journalismus tarnt und sich mit dessen Formen -
wie der Reportage - kostümiert, gehören vorgefertigte Textbausteine und
Themen, die in der jeweiligen Alltagskultur hoch emotional aufgeladen
sind: Geschichten über "Drogen" zum Beispiel, wie sie Janet Cook und
Michael Born frei erfunden haben, sind "gesetzt" - damit lässt sich immer
Aufmerksamkeit erzielen, weil sie vor der Folie der
protestantisch-asketisch geprägten Alltagskultur, insbesondere in den USA
und in Deutschland, an Tabus rütteln. Ähnlich verhält es sich mit
"Kinderpornografie im Internet" und "Neonazi-Aussteiger", deren
journalistische Aufarbeitung mit der Realität selten etwas zutun hat, weil
das Thema sich zu einem Metadiskurs verwandelt hat, der - wie die
klassische Parabel - den moralischen common sense abhandelt.
Der Fake-Journalimus,
kombiniert mit der Schnelllebigkeit der Informationen im Internet, hat
einen neuen Typus des Hochstaplers entwickelt - den
Aufmerksamkeitstäter.
Der unterscheidet sich nicht mehr vom Journalisten, der Geschichten und
Interviews erfindet: Er ist selbstreferenziell, wie auch jetzt Jayson
Blair als Medienereignis mehr Platz in der New York Times eingeräumt
bekommt als alle seine eigenen "Reportagen". Der Aufmerksamkeitstäter
dokumentiert die mittlerweile sehr flache Hierarchie zwischen
Medienmachern und den Konsumenten.
Die Skandale um gefakte
Meldungen und eulenspiegelnde Journalisten wirken auf die Konsumen-ten
letztlich nur positiv. Sie fördern die Medienkompetenz und das gesundere
Misstrauen, eine Nachricht nicht zu glauben, wenn man die Quellen nicht
nachvollziehen kann. Der Online-Journalismus, der das den Lesern bietet,
hat daher die Funktion einer Avantgarde, wenn es um journalistisches Ethos
geht.
Die Kunst hat die Grenze
zwischen Realität und Fiktion schon längst ironisch thematisiert: der
Aktionskünstler
Klaus
Heid erfand ein ganzes Volk. Sein Fazit über
die "faszinierende Welt" der Khuza beschreibt exakt die Lehre, die aus dem
aktuellen Medienskandal der New York Times zu ziehen sind: Er "gibt uns
entscheidende Anhaltspunkte zur Beantwortung jener drängenden Fragen, wer
wir sind und woher wir kommen."
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