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13.11.2003
Michael Moore:
"Es geht bergab mit Bush"
Seit Monaten sind seine „Stupid White Men“ und
„Bowling of Colombine“ Bestseller in Deutschland.
Am
14. November erscheint das neue Buch des amerikanischen
Schriftstellers und Regisseurs Michael Moore.
New-York-Korrespondent Gerald Baars sprach für den
ARD-Kulturreport mit Moore über Amerika, die Amerikaner und
den Präsidenten. |
Baars:
Herr Moore, helfen Sie mir, die amerikanische Seele zu verstehen. Da
gibt es Menschen, die einen Bodybuilder zum Gouverneur von Kalifornien
wählen. Menschen, die sehr lange brauchten, bis sie gegenüber
Präsident Bushs Krieg im Irak misstrauisch wurden. Wir haben Probleme,
das zu verstehen...
Moore: Erst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass
ich Englisch und nicht Deutsch mit Ihnen spreche. Durch unser
Bildungssystem lernen wir leider Fremdsprachen nicht besonders gut.
Nun zur Frage: Sie müssen verstehen - der
Durchschnittsamerikaner ist ein guter Mensch, hat ein Herz und ein
Gewissen, lässt sich aber leider von den Machthabern leicht
manipulieren. Das liegt hauptsächlich an einer aufgedrängten Ignoranz,
aufgenötigt durch die Medien, das Bildungssystem und die Kultur. Es
gilt eigentlich als gute Sache, dumm zu sein. Nehmen Sie zum Beispiel
Arnold Schwarzenegger. Oder George Bush, der zu einer
Graduierungsfeier nach Yale geht und in seiner Rede stolz erklärt,
dass er auch nur ein mittelmässiger bis schlechter Schüler war. Als
wenn das etwas Gutes wäre.
Baars: Aber
man hat ihn gewählt und Arnold Schwarzenegger auch...
Moore:
"National Geographic" hat im letzten Jahr eine Umfrage unter 18-25
Jahre alten Amerikanern veröffentlicht. Sie wurden gefragt: "Können
Sie mir bitte zeigen, wo auf der Landkarte der Irak liegt?". 85
Prozent waren nicht in der Lage, den Irak auf der Karte zu finden.
"Können Sie Grossbritannien finden?", wurden sie anschliessend
gefragt. 60 Prozent haben Grossbritannien nicht gefunden. Als sie
gebeten wurden, die Vereinigten Staaten auf dem Globus zu zeigen,
waren 11 Prozent nicht in der Lage, selbst die USA zu finden. 11
Prozent der jungen Amerikaner! Das muss man sich klarmachen.
"Hässliche Art von Nationalismus"
Baars:
Amerika ist die einzig verbliebene Supermacht. Dem Rest der Welt wird
Angst und Bange, wenn er das hört.
Moore:
Das stimmt. Und das sollte ihm auch werden. Auch ich habe Angst. Als
die jungen Amerikaner nach der Grösse der Bevölkerung gefragt wurden,
sagte die Mehrzahl: "Zwischen ein und zwei Millarden!", also
gigantisch, die Nummer eins. Dieses Bild haben sie von sich. Wenn Sie
also eine Bevölkerung haben, die den Bezug zu ihrem eigenen Platz in
der Welt und ihrer eigenen Grösse verloren hat, haben Sie ein Volk,
das sehr leicht zu manipulieren ist. Und sie werden manipuliert mit
Ängsten, mit Behauptungen, die nicht wahr sind. Sie werden zu dieser
hässlichen Art von Nationalismus gedrängt, zu diesem Denken, in allem
die Nummer 1 zu sein. Wir können keine Fehler machen. Und alle anderen
werden uns folgen.
"Eine
Orwellsche Lüge nach der anderen"
Baars:
Meinen Sie, dass die Bush-Regierung weiterhin die Öffentlichkeit -
möglicherweise noch verstärkt - missinformiert, um es vorsichtig
auszudrücken, nachdem sie die Bevölkerung schon in den Krieg geführt
hat? Wird da noch mehr kommen, vor dem wir Angst haben sollten?
Moore:
Er hat die Dinge hochgeschraubt. Er hat gelogen. Nicht nur einmal,
sondern vielfach. Es gab nicht nur eine Lüge. Er log über die
Massenvernichtungswaffen. Er log über Saddam Husseins Verbindung zum
11. September. Er log, als er sagte, dass die Franzosen schlechte
Menschen sind ... Egal, welche Lüge es auch war. Die Behauptung, es
habe eine grosse internationale Koalition der Willigen gegeben, war
eine Lüge. Eine Orwellsche Lüge nach der anderen. Und jetzt beginnen
die Amerikaner zu begreifen: Oh mein Gott, er hat uns belogen. Und das
wird ihm im nächsten Jahr schaden. Die Menschen haben es nicht gerne,
wenn sie angelogen werden. Insbesondere diejenigen, die ihn und den
Krieg unterstützt haben. Wenn diese Menschen merken, dass sie belogen
wurden, wird ihm das schaden.
Baars:
Also ist er verwundbar bei den Wahlen?
Moore:
Absolut. Wenn sie die Umfragen sehen, stellen Sie fest, dass es für
ihn kontinuierlich abwärts geht. Die Leute sehen ihn nicht mehr so
unkritisch wie vorher. Es tut mir leid, dass sie überhaupt gewillt
waren, ihm zu glauben. Ich weiss, das spricht nicht für die
Bevölkerung insgesamt, aber die Öffentlichkeit, die ich beobachte, das
sind andere Menschen. Schauen Sie sich nur an, wie es dieses Jahr mit
meinem Buch gelaufen ist. Es war die Nr. 1 der verkauften Sachbücher
in Amerika. Wie kann es sein, dass in einer Zeit, in der angeblich
jeder hinter Präsident Bush steht, das bestverkaufte Sachbuch eben von
diesem George W. Bush handelt? Das zeigt doch, dass es einen
Hoffnungsschimmer gibt, und dass Amerikaner, wenn sie mit den Fakten
und der Wahrheit konfrontiert werden, richtig reagieren werden.
Baars:
Wer hat die besten Chancen, Präsident Bush im nächsten Jahr zu
schlagen?
Moore:
Wesley Clark hätte die besten Chancen, wenn sie jetzt gegeneinander
antreten würden. Er ist ein Vier-Sterne General, der gegen einen
Fahnenflüchtigen anträte. Das Duell würde ich zu gern auf der Bühne
sehen. Zunächst müsste Bush ihn mit "General" anreden. Und ich würde
gern erleben, wenn ausgerechnet Clark ihm erklärt, dass man nur dann
in einen Krieg zieht, wenn es gar keinen anderen Ausweg mehr gibt. Und
nur aus Gründen der Selbstverteidigung. Man führt keinen
Angriffskrieg. Und ich möchte einen Vier-Sterne-General, der
Jahrgangsbester in West Point an der Militärakademie war, auf der
Bühne sehen, wie er darüber mit George W. Bush spricht. Das wäre ein
eindrucksvoller Augenblick.
"Herr
Schröder, treffen Sie sich nicht mit diesem Mann!"
Baars:
Präsident Bush sucht zur Zeit verstärkt Unterstützung für den Irak
auch vom "alten Europa", von den alten Freunden Deutschland und
Frankreich. Viele Deutsche fragen sich: Sollen wir diesem Präsidenten
helfen?
Moore:
Nein. Tun Sie nichts, um diesem Präsidenten zu helfen. Ich habe
gesehen, wie Schröder sich bei seinem UN-Besuch mit ihm getroffen hat.
Falsch! Ich halte das für falsch. Herr Schröder, treffen Sie sich
nicht mit diesem Mann, zumindest nicht, bis er sich entschuldigt hat.
Die
Deutschen sind gute Menschen. Die Deutschen sind bereit, in vielen
Teilen der Erde Entwicklungshilfe zu leisten, in denen diese Hilfe
auch benötigt wird. Ich bin sicher, die Deutschen sorgen sich auch um
das Leid der irakischen Bevölkerung. Und sie sind mehr als bereit,
auch hier zu helfen. Doch ich glaube nicht, dass sie helfen wollen,
solange diese Hilfe von der Bush-Regierung und ihren Freunden in den
Ölkonzernen kontrolliert wird. Dafür sollten keinesfalls deutsches
Geld, deutsche Hilfsgüter und schon gar nicht deutsche Soldaten
eingesetzt werden. Sie sollten sich nicht verwickeln lassen in Bushs
Krieg, bis die Verantwortung nicht an die Vereinten Nationen und die
Weltgemeinschaft übergeben worden ist, und diese dann versucht, den
schrecklichen Schaden zu reparieren, den wir diesem Land zugefügt
haben.
Baars:
Die amerikanische Regierung versucht, die beschädigten
internationalen Beziehungen wieder zu reparieren. Nehmen Sie das ernst
oder ist das nur ein weiteres taktisches Manöver?
Moore:
Ich sehe nicht, dass diese Regierung das wirklich tut. Ich bin
überzeugt, dass sie hinter den Kulissen drohen und bestechen und Druck
ausüben, um Länder wie Deutschland an Bord zu holen. Die einzige
Möglichkeit, den Schaden zu reparieren, ist, zurück zu den Vereinten
Nationen zu gehen und zu sagen: Wir, die Vereinigten Staaten, werden
den Irak nicht regieren, sondern das Problem an die Weltgemeinschaft
abtreten, um es zu lösen und das Land wieder aufzubauen. Und das Öl
sollte nicht in den Händen amerikanischer Ölfirmen sein, sondern in
den Händen der Iraker.
Baars:
Sie sind sehr unverblümt!
Moore:
Was ist daran unverblümt? Ist es nicht gesunder Menschenverstand?
Angenommen es gäbe Öl unter Manhatten? Wem gehört das Öl? Den Irakern
oder Kanadiern? Nein. Es gehört doch wohl den Menschen hier. Das ist
gesunder Menschenverstand. Und so ist das irakische Öl auch nicht
unser Öl, sondern deren Öl. Und sie haben das Recht auf Ausbeutung und
die Gewinne.
Baars:
Ein Teil der Menschen in Amerika liebt Sie nicht besonders. Haben Sie
schon böse Reaktionen erfahren müssen?
Moore:
Wir leben in einem sehr grossen Land. Mit 300 Millionen Menschen. Da
ist Platz für viele Leute, die mich lieben oder auch nicht. Ehrlich
gesagt, ist mir das auch egal.
Baars:
Sie wollen also nicht gemocht, sondern nur gehört werden?
Moore:
Natürlich will ich geliebt werden, aber es reichen mir die wenigen
Menschen, die auch mir etwas bedeuten. (lacht) Ergibt das nicht Sinn?
URL der
Meldung: www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID2622752,00.html
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Meine Bemerkung:
Der letzte Satz von Michael Moore entspricht (und nicht nur dieser!) ganz
meiner Auffassung. (tst) |